Im Reaktor

Seit nunmehr eineinhalb Jahren ist das Rote Kreuz ein Bestandteil meines Lebens (zunächst Zivildiener und anschließend als Freiwilliger). Dabei kommt es immer wieder vor, dass sogenannte „Ambulanzdienste“ zu versorgen sind. Das bedeutet eine (oder mehrere) Mannschaft(en) werden fix bei einem Großevent für die medizinische Erstversorgung bereitgestellt. Vergangene Woche war dies beim „Global 2000 Tomorrow Festival“ am Gelände des AKW Zwentendorf der Fall. Gemeinsam mit rund 110 KollegInnen und ein Team an NotärztInnen traten wir den Dienst an. Soweit zu den Rahmenbedingungen.

tm1

Das AKW Zwentendorf ist kein gewöhnliches Atomkraftwerk. Mit anderen Worten, es ist und wird auch nie ein Atomkraftwerk sein. Nach seinem (vollständigen) Bau Ende der 1970er Jahre wurde eine Volksabstimmung (1978) bezüglich der Inbetriebnahme abgehalten. Das Ergebnis sprach sich gegen die Verwendung des Kraftwerks aus. Einige Jahre wurde das Kraftwerk gewartet und erhalten, mit der Hoffnung von Seiten der Verantwortlichen den Einsatz in Zukunft möglicherweise durchzusetzen. Dies geschah nie. Heute dient das betriebsfertige AKW als Ersatzteillager, Schulungsgelände, Photovoltaik Anlage und Austragungsort für besagtes Musikfestival (Außengelände). Die Legende besagt, dass die Mitarbeiter nur mehr einen Schalter hätten umlegen müssen. Die Brennstäbe waren angeblich schon am Gelände des Kraftwerks eingelagert. Eine weitere Erzählung berichtet davon, dass auf Grund der ähnlichen Bauweise, nach dem Unglück in Fukushima einige Tests und Übungsszenarien am Gelände stattfanden.

tm2

Auf Grund glücklicher Zufälle und eines engagierten Geländemitarbeiters hatten wir, als einige der wenigen Leute in diesen Tagen das Glück einen Blick in das Innere des Kraftwerks werfen zu können (es gibt auch öffentliche Führungen während des Jahres). Der Moment in dem sich die große Stahltür zum Eingang erstmals öffnet, ist doch ein wenig eindrucksvoll. Zunächst kamen wir an dem Ort wo der „Portier“ seinen Stützpunkt gehabt hätte sowie eines Aufenthalts- und Wachraums. Die Strahlenanzüge wurden für ein Filmset dort platziert.

tm3

Danach fuhren wir 35 Stockwerke mit einem Aufzug in den Hauptbereich des Reaktors. Eine riesige Halle mit komplett betriebsfertigen Geräten und dem Schacht für die Brennstäbe + Kühlbecken. Über eine kurze Stahltreppe gelangen wir danach auf das Dach des Reaktorgebäudes, von wo man einen wundervollen Blick über das Festivalgelände und die umliegende Landschaft hatte. Was soll man sagen? Einerseits eine leicht skurrile Erfahrung, gleichzeitig extrem interessant und eindrucksvoll. In keinem anderen AKW kann man eine Führung in all diese Bereiche machen (vor allem nicht ohne Schutzkleidung).

tm4

Eine Erzählung aus dem Inneren eines Reaktors.